UCKERMÄRKER FRISTLOS GEKÜNDIGT

Neonazi-Musik kostet Tischler den Job

Holger Staegemann wurde gefeuert. Kollegen hatten den 53-Jährigen wegen des Abspielens rechter Titel angezeigt – die Firma zog sofort Konsequenzen.
Claudia Marsal Claudia Marsal
Holger Staegemann sieht sich zu Unrecht gekündigt.
Holger Staegemann sieht sich zu Unrecht gekündigt. Claudia Marsal
Prenzlau.

Holger Staegemann braucht Musik, wenn er arbeitet. „Meist laufen Schlager bei mir”, sagt der Mann mit den kräftigen Handwerkerhänden. Manchmal dröhnen auch härtere Klänge aus den Boxen seines Makita-Baustellenradios. Der Uckermärker nennt das augenzwinkernd Garagenrock mit Wumms. „Rammstein, AC/DC, ZZ Top und so. Gern auch alte DDR-Bands wie City und Karat. Ich muss das haben, um morgens in die Gänge zu kommen – am besten ganz laut”, erklärt der Tischler nachdrücklich.

Weil er in der Regel allein in der Werkstatt gewesen sei, habe er auf die Geschmäcker der anderen Kollegen im Betrieb nie Rücksicht nehmen müssen, setzt der gebürtige Gramzower schnell hinzu. Doch ganz so unbeobachtet kann er im Job nicht gewesen sein, denn sonst hätte er diesen noch. So aber setzte ihn sein Betrieb, ein großes Wohnungsunternehmen der Region, eines Morgens mit sofortiger Wirkung beurlaubt vor die Tür.

Titel von „Landser”

12 Tage später trudelte die fristlose Kündigung ein. Hintergrund: Kollegen hatten ihn wegen des Abspielens rechter Musik angezeigt, der Arbeitgeber unverzüglich Konsequenzen gezogen. „Das war einen Tag vor meinem Geburtstag, am 12. September 2019 so gegen 16 Uhr”, erinnert sich der 53-Jährige zurück. Er habe sich in der Nacht zuvor aus dem Internet Rockmusik runtergeladen gehabt, darunter auch Titel von „Landser”. Das ist eine deutsche Rechtsrock-Band aus Ostberlin, die bis zu ihrer Auflösung im Jahr 2003 als die bundesweit erfolgreichste sowie bekannteste Musikgruppe aus dem neonazistischen Milieu galt. Staegemann behauptet, nicht gewusst zu haben, um was für Stücke es sich dabei gehandelt habe.

„Ich weiß, dass einige Titel auf dem Index stehen. Aber wie gesagt, ich hatte sie nur schnell auf den MP3-Player gezogen, um im Laufe des Tages bei der Arbeit mal reinzuhören.” Ihm selbst seien an diesem Nachmittag auch einige Texte als zu hart erschienen, versichert der aktuell erwerbslose Mann. „Ich habe sie längst wieder gelöscht”, betont der alleinerziehende Vater einer 12-jährigen Tochter. Seinen Arbeitsplatz gerettet hat ihm das allerdings nicht.

Vergleich erzielt

Der Handwerker konnte zwar mit seinem ehemaligen Betrieb am 21. November beim Arbeitsgericht in Eberswalde einen Vergleich schließen, der mit einer Zahlung des Gehalts bis 31. Dezember 2019 und einer Abfindung in Höhe von 2500 Euro endete. „Ich hätte mir stattdessen aber lieber eine Wiedereinstellung gewünscht”, sagt Holger Staegemann: „Schließlich war ich in den fünf Jahren meiner Festanstellung nicht einen Tag krankgeschrieben und habe meine Arbeit immer zur vollsten Zufriedenheit erledigt. Es hätte meines Erachtens auch eine Abmahnung getan, daraus hätte ich doch Schlussfolgerungen gezogen.”

Sein ehemaliger Arbeitgeber sieht das anders. Auf Nachfrage des Uckermark verlautet von dem Unternehmen, dass das nicht das erste Vorkommnis gewesen sei und dass sich der ehemalige Kollege schon länger nicht an die Regeln gehalten und es mehrere arbeitsrechtliche Verstöße gegeben habe. Mit Verweis auf den Datenschutz wollte der Firmenvorstand zwar nicht weiter ins Detail gehen, aber er stellte unmissverständlich fest, dass das Abspielen von Musik mit volksverhetzenden Texten Kündigungsgrund genug gewesen sei. „Das ist strafbar. Wir sind ein offenes, kundenorientiertes Unternehmen, dass sich von einem solchen Verhalten ausdrücklich distanziert. So etwas ist nicht hinnehmbar.” Diese Position sei nicht diskutierbar, und wer da nicht mitgehe, müsse eben mit den Konsequenzen leben, hieß es abschließend. Konsequenzen dürfte das Verhalten auch noch an anderer Stelle haben.

Polizeieinsatz bestätigt

Die Polizeidirektion Ost in Frankfurt/Oder bestätigte, dass es am 12. September in der Werkstatt bei Holger Staegemann einen Einsatz gegeben habe, bei dem ein MP3-Player sichergestellt und eine Anzeige wegen Volksverhetzung aufgenommen worden seien. Sprecherin Bärbel Cotte-Weiß: „Der Vorgang wird derzeit noch beim Staatsschutz bearbeitet. Welche Maßnahmen der Arbeitgeber für seine Beschäftigten trifft, betrifft nicht die Maßnahmen der Polizei.”

Der einschlägige Tatbestand in diesem Fall fußt auf Paragraf 86a Abs. 1 Nr. 1 des Strafgesetzbuches (StGB). Dieser Paragraf stellt die öffentliche Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen wie der NSDAP oder SS unter Strafe. Unter „Kennzeichen“ fallen auch Symbole, Grußformeln, Parolen und eben Lieder. Für die Verwirklichung des Merkmals „öffentlich“ kommt es nicht auf die Öffentlichkeit des Ortes, sondern darauf an, ob das von einer nicht überschaubaren Anzahl von Personen wahrgenommen werden kann.

Finanzielle Nöte

Holger Staegemann sieht das gelassen: „Bislang habe ich nichts von der Polizei gehört. Dabei liegt der Vorfall ja schon zwei Monate zurück.” Er sieht sich zu Unrecht um seinen Job und in finanzielle Nöte gebracht. „Zurzeit lebe ich mit meiner Tochter vom gepumpten Geld eines Kumpels, denn weder die Nachzahlung noch die mir zugestandene Abfindung sind bisher eingegangen”, behauptet er. Der Uckermärker ist fest davon überzeugt, dass man an ihm ein Exempel statuieren wolle, weil er aus seiner Nähe zur AfD nie einen Hehl gemacht habe. Holger Staegemann räumt ein, auch Wahlflyer im Betrieb verteilt zu haben. „Warum denn nicht, das ist eine zugelassene Partei, die die Gunst vieler Menschen hat.” Gefragt, ob er zur NPD tendiere, sagt der Tischler bestimmt, dass er dort 1996 ausgetreten sei und keine Verbindungen mehr habe. „Ich lasse mir auch nicht Ausländerfeindlichkeit unterstellen”, bekräftigt er dann: „Aber ich sage laut, dass die derzeitige Flüchtlingspolitik verfehlt ist und es so nicht weitergehen kann.” Was das anbelange, hätten sich einige Ex-Kollegen von ihm schon viel deutlicher artikuliert, beteuert Staegemann: „Aber denen passiert nichts.”

 

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Kommentare (8)

Tja, so ist es heute. Herzlichen Glückwunsch dem Arbeitgeber. Hoffentlich leidet dieser nicht irgendwann am Fachkräftemangel. Wenn der Vorfall nur das Fass zum Überlaufen gebracht hat -> OK! Ansonsten kann man das auch mittels Abmahnungen regeln und so die Unternehmensphilosophie verdeutlichen. Wir kennen die Liedtexte nicht; Behaupten und Beschuldigen ist heute ja so was von IN.

Kulturrevolution 2.0

1996 aus der NPD ausgetreten, aber nicht gewusst, um was für Stücke es sich handelt.
Für Märchen ist doch sonst Simsalabim und nicht der Nordkurier zuständig.

vielen Dank für die warmen Worte.
Und wenn sie nicht gestorben sind...

eines Staates ist immer an das politische System gekoppelt und hat nichts mit Recht bekommen oder Wahrheit zu tun

Reflexartiger Schwachsinn, der hier schon wieder gepostet wird. Die Wutbürger schnauben...
Hier wurde offen faschistische und zu Recht verbotene Musik gespielt. Mit einer klaren Konsequenz. Kündigung! Tolle, klare Kante gegen Rechts.
Hier geht es auch nicht um das Unterdrücken von Meinungen, sondern um den Grundsatz:
Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen.

im Internet herausgesucht ein Songtexte von der Rechtsrock-Gruppe Landser "Deutsche Wut":
(Ignaz Bubis war mal Vorsitzender des sogenannten "Zentralrats der Juden in Deutschland")

In der reichshauptstadt gibts ne volkstreue band, die das unrecht im lande beim namen nennt
also schickte der staat seine spitzelmeute, verdeckte ermittler und v-leute

sie sollten uns fangen doch es wollte nicht glücken
die wahrheit, die lässt sich nicht unterdrücken
darum schöne grüße an den ignatz bubis
und an den staatsschutz und seine azubis

weißer rock\'n\'roll ist unser leben
landser wird es ewig geben

Mehr songtexte: http://www.songtextemania.com/deutsche_wut_songtext_landser.html
Alle Infos über Landser: http://www.musictory.de/musik/

eine Abmahnung hätte es auch getan, denn Kunden könnten zufällig mithören und Politik hat in einem Unternehmen nichts zu suchen.
Meine Meinung als Privatmann: "Kollegenschweine und Vorauseilender Chef-Gehorsam sind das letzte."